Neuer Trend? Die extreme Rechte und die "Identitäre Bewegung"

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Schwarz-gelbe Aufkleber der "Identitären Bewegung" tauchen in letzter Zeit vermehrt in Aschaffenburg auf. Darauf stehen aggressive Parolen ("Wehr dich - es ist dein Land!") oder banale Erkenntnisse wie "Heimatliebe ist kein Verbrechen". Was steckt dahinter?

Die "Identitären": Ein ernstzunehmendes neues Phänomen oder nur Nebellichter?

[...]Die politischen Ziele der identitären Bewegung sind auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen. Und das macht sie so gefährlich. Die Parole "100 % Identität – 0% Rassismus" klingt erst einmal unverfänglich. Dass die Parole nur als Deckmantel für antimuslimischen Rassismus dient, wird in der weiteren Beschreibung erst auf den zweiten Blick deutlich. Man muss es schon bis zum Ende der Beschreibung schaffen, um die typischen Schlagworte zu entdecken: "Wir wollen das Überleben unseres Volkes und aller Völker Europas und den Schutz unseres Kontinents vor Überfremdung Massenzuwanderung und Islamsierung!" (Fehler im Original). Das Thema "Volkstod" wird gut verdeckt und ist trotzdem ein eindeutiger Verweis auf die Nazi-Inhalte.[...]

Kampf um die “Identität” – Nazis wollen “Identitäre Bewegung”

[...]Da die Neonaziszene seit Jahren versucht ihre menschenverachtende Ideologie wieder gesellschaftsfähig zu machen, wundert es nicht, dass Nazis auf den Zug aufspringen. Die „Identitäre Gruppe Frankfurt” wurde 2010 von den „Nationalen Sozialisten Rhein-Main“ und aus dem „Freien Netz Hessen“ heraus initiiert.[...]

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Aufkleber, in der KW 7 in Aschaffenburg verklebt und entfernt

Kommentar
Routinierte Propaganda
Die Propaganda der "Identitären" basiert auf Methoden, wie sie bei (neu)rechter Propaganda seit einigen Jahren üblich ist. "Heimatliebe" ist kritikwürdig, aber ein Verbrechen? Ein vermeintliches, gesellschaftliches Tabu wird konstruiert, um sich selbst als unterdrückt und Opfer einer unbestimmten (die da Oben/Fremden) oder konkreteren (die Antifa) Macht zu inszenieren (siehe "Politsch Korrekt").
Dabei gehts nur um eins: Die transportierte Ideologie soll gegen jegliche Kritik immunisiert werden, vor allem aber soll Aufklärung öffentliche Auseinandersetzung durch präventive Diffamierung verhindert werden. Denn für Rassisten und Nationalisten gibt es zur Zeit vielfältige Anknüpfungspunkte an gesellschaftliche Diskurse, eine Manifestierung rassistischer Einstellungen wird durch verschiedene Studien (Heitmeyer u.a.) belegt.
In Aschaffenburg wurden die Aufkleber abwechselnd mit denen der NPD verklebt, bekannte Neonazis und NPD-Anhänger verbreiten auf Facebook entsprechende Propaganda. Das steht exemplarisch für die Entwicklung der "Identitären Bewegung" in Deutschland, die sich trotz oberflächlicher Distanzierungen, scheinbar fest in extrem Rechter Hand befindet.

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Neonazis propagieren die "Identitäre Bewegung": Pascal S. aus Kirchzell und Thorsten O. aus Hösbach, beide NPD

Offene Türen
In Zeiten millionenschwerer Patriotismus- und Militärkampagnen sowie aufblühendem (Standort)Nationalismus in der kapitalistischen Krise, ist wohl nichts gesellschaftlich so en vogue wie "Heimatliebe".
Patriotismus und Nationalismus sind nunmal bewährte Herrschaftsmittel, liefern Ideologie und den emotionalen Kitsch, um Menschen bei der Stange zu halten und auf Staat, Nation und Kapital einzuschwören. Sozialchauvinismus hat Konjunktur.

Im Kapitalismus, in dem die Individuen in andauernden Verwertungsprozessen teils als Arbeiter_innen um Arbeit, teils als Unternehmer_innen um Profite gegeneinander konkurrieren, fühlen sich viele Menschen innerhalb der Nation als Teil von etwas Größerem. Sie erhalten so das Gemeinschaftsgefühl, das auch für die Vereinzelung in der Konkurrenz entschädigen soll. SaZ

Auch die Inhalte und Anliegen der "Bewegung" spiegeln eher kleinbürgerliche Ängste wider. Anstatt sich von gesellschaftlichen Zwängen und Zumutungen zu emanzipieren, suchen sie ihr Heil in den Strukturen, die sie in Geiselhaft halten.
Mit der Freiheit des Individuums ist es aber nicht mehr soweit her, wenn es um die Volksgemeinschaft, das verheizen von Menschenmaterial im (Wirtschafts)Krieg oder möglichst effiziente Ausbeutung der Arbeitskraft geht. Konsequenterweise ist der Begriff "Freiheit" auf den Aufklebern dann auch gefangen zwischen dem Zwangskollektiv der "Heimat" und faschistischer "Tradition".